Pharmabranche ist in stabiler Verfassung

Trotz vieler Patentausläufe erwarten Analysten nahezu gleichbleibende Erträge für die Pharmabranche.
Tendenziell stehen die europäischen Arzneihersteller aus Sicht der Fachleute etwas besser da als ihre US-Konkurrenten. Diese Einschätzung dürfte nicht nur die Aktionäre beruhigen, auch die Anleihe-Gläubiger hätten daher wenig zu befürchten.
Hintergrund ist vor allem die Erwartung, dass eine Kombination aus Neuzulassungen, Diversifikation und vor allem die Expansion in den Schwellenländern den Pharmariesen helfen wird, Umsatzverluste bei Altprodukten relativ gut abzufedern. „Die Firmen sollten in der Lage sein, sowohl ihre Margen als auch ihre Kreditqualität im kommenden Jahr zu halten", heißt es in einer Studie der Ratingagentur Standard & Poor's.
Dabei dürfte die Konkurrenz durch Nachahmerprodukte (Generika) im Jahr 2012 noch an Brisanz gewinnen. Denn die Zahl an wichtigen Patentabläufen im Pharmasektor befindet sich zurzeit auf einem Höhepunkt. Allein vier der zehn umsatzstärksten Produkte verlieren in diesen Monaten ihren Schutz, darunter das Spitzenprodukt der gesamten Branche, der Cholesterinsenker Lipitor von Pfizer. Dessen US-Patent ist Ende November ausgelaufen.

Vier der weltgrößten Medikamente verlieren den Patentschutz

Betroffen sind daneben auch der US-Konzern Eli Lilly mit seinem Schizophreniemittel Zyprexa sowie Sanofi und Bristol-Myers Squibb mit dem Blutverdünner Plavix, dessen Patent im Mai ausläuft. Auch die Schweizer Novartis muss den Patentablauf bei einem milliardenschweren Produkt, dem Blutdrucksenker Diovan, verkraften. Erfahrungsgemäß verlieren die Hersteller in solchen Fällen sehr schnell zwischen 50 und 90 Prozent ihrer Umsätze an die wesentlich preiswertere Nachahmerkonkurrenz (Generika). Alles in allen laufen nach Schätzung des Marktforschers IMS Health bis 2015 bei Medikamenten mit mehr als 120 Milliarden Dollar Umsatz die Patente aus. Das entspricht etwa 15 Prozent des aktuellen globalen Umsatzes der Branche.
Doch so bedrohlich solche Zahlen klingen, in der Praxis haben die meisten Pharmakonzerne die Patentproblematik bisher besser gemeistert, als von vielen befürchtet. Sie mussten sich zwar von den üppigen Wachstumsraten früherer Jahre verabschieden, größere Umsatzrückgänge sind bisher aber die Ausnahme geblieben. Die führenden 15 Pharmakonzerne verbuchten nach Berechnungen des Handelsblatts in den ersten neun Monaten 2011 vielmehr noch einen Umsatzzuwachs von währungsbereinigt etwa zwei Prozent.

Die Konzerne kompensieren Wachstumsschwäche mit Sparen

Zum Teil halfen Akquisitionen über die Flaute hinweg. Sanofi etwa kam die Übernahme von Genzyme zugute, Abbott der Kauf von Solvay Pharma. Umsatzrückgänge zwischen einem und drei Prozent auf währungsbereinigter Basis verbuchten Roche, Pfizer, Glaxo-Smithkline sowie Astra-Zeneca. Alle anderen Firmen legten zu, wobei die dänische Novo-Nordisk mit einem zweistelligen Plus die Nase vorn hatte.
Die Pharmakonzerne haben bisher auch wenig Mühe, Wachstumsschwächen durch Kostensenkung zu kompensieren. Große Sparprogramme laufen unter anderem bei Pfizer, Merck & Co, Safin und Bayer. Betriebsergebnisse und Nettogewinne legten in den ersten neun Monaten 2011 um durchschnittlich vier Prozent zu. Ein ähnliches Bild zeichnet sich für das Gesamtjahr ab.
Als Folge der jüngsten Patentabläufe wird sich 2012 das Umsatzwachstum vermutlich weiter abschwächen. Aber es ist keineswegs ein drastischer Einbruch zu erwarten. Bankanalysten kalkulieren nach Erhebungen der Agentur Bloomberg im Schnitt mit einem Umsatz und Ergebnisrückgang von etwa einem Prozent bei den großen US-Pharmakonzernen sowie Zuwächsen von einem bis zwei Prozent bei den europäischen Firmen. Die stärksten Einbußen werden dabei für den US-Konzern Bristol-Myers Squibb und die britische Astra-Zeneca vorausgesagt. BMS muss den Patentablauf bei Plavix verkraften, Astra-Zeneca die Generikakonkurrenz beim Psychopharmakon Seroquel.
Während die Patentabläufe einen Höhepunkt erreichen, hat sich die Situation in der Produktentwicklung wieder etwas aufgehellt. Nach vielen Misserfolgen in den Vorjahren ist die Zahl der Neuzulassungen 2011 um die Hälfte auf etwa 30 gestiegen. Die Chancen, die Patentverluste durch Umsätze mit neuen Medikamenten wettzumachen, haben sich damit zumindest verbessert, auch wenn die Zahl für eine neue Wachstumsphase noch zu gering ist.
Immerhin trauen Analysten aber etlichen Neuentwicklungen der vergangenen beiden Jahre Spitzenumsätze in Milliardenhöhe zu. Dazu gehören etwa die Schlaganfall-Medikamente Xarelto und Pradaxa von Bayer und Boehringer Ingelheim. Auch das Multiple-Sklerose-Mittel Gilenya von Novartis, das im März die EU-Zulassung erhielt, könnte im Laufe der nächsten Jahre beachtliche Umsätze liefern.
Zudem deutet sich an, dass in den Labors der Konzerne weiterer Produktnachschub heranreift. Laut Ratingagentur Fitch steigt die Zahl der Projekte in fortgeschrittenen klinischen Studien kräftig.
Quelle: Handelsblatt

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