Die meisten Stellen werden über persönliche Kontakte besetzt. Ob die Kontakte nun im richtigen oder im digitalen Leben bestehen, spielt für die Unternehmen keine Rolle. Empfehlungen über soziale Netzwerke sind ihnen genau so wertvoll wie eine mündliche. Und wer empfohlen wird, bei dem steigen die Einstellungschancen gleich um das Doppelte.

Martin Baumeyer wusste ganz genau, was er werden wollte: „Ingenieur, weil mich Naturwissenschaften und Technik interessieren." Der 26-Jährige studierte an der Technischen Universität Dresden Maschinenbau und schrieb seine Diplomarbeit in einem Unternehmen, das ganz große Maschinen entwickelt und produziert: Schaufellader für den Tagebau, Kräne für den Güterumschlag auf Häfen. Doch die Firma konnte dem angehenden Ingenieur keine Stelle anbieten. Aber ein Kollege Baumeyers wusste von einem Kommilitonen, dass der Ingenieurdienstleister Invenio in Rüsselsheim Mitarbeiter sucht. Dieser arbeitete dort. Baumeyer bewarb sich auf dessen Empfehlung hin - und wurde eingestellt.

Fast ein Viertel neuer Jobs durch persönliche Kontakte

Baumeyer ist kein Einzelfall. Knapp ein Viertel aller im Jahr 2010 neu besetzten Stellen wurden über persönliche Kontakte vergeben. Ein weiteres Viertel entfiel auf Stellenangebote in Zeitungen und  Zeitschriften. Jeweils jedes siebte Stelle wurde über die Arbeitsagenturen oder Stellenbörsen im Internet besetzt. Private Arbeitsvermittler, Inserate Arbeitssuchender und die Übernahme von Leiharbeitern spielen dagegen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Zu diesen Ergebnissen kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB, Nürnberg, durch eine repräsentative Befragung in 15.000 Unternehmen.

Deutliche Unterschiede bei den Suchwegen und der Stellenbesetzung gibt es bei den geforderten Qualifikation und der Betriebsgröße. Grundsätzlich gilt: je kleiner ein Unternehmen, umso größer ist der Anteil an Stellen, die über persönliche Kontakte besetzt werden. Und: je höher der Bildungsabschluss, umso stärker spielt das Internet bei der Stellenbesetzung eine Rolle. Akademiker suchen häufiger digital.

Social Media

In seiner Studie hat das IAB die Bedeutung von Social Media noch nicht berücksichtigt. Künftig soll das geschehen, denn viele persönliche Kontakte sind digitale Kontakte im Web 2.0, bei Facebook oder Xing. „Ich gehe davon aus, dass viele dieser Empfehlungen auf Kontakten beruhen, die ausschließlich in sozialen Netzwerken stattfinden", sagt Marc-Stefan Brodbeck, Leiter des Recruiting & Talent Service der Telekom. Ihm ist eine Empfehlung aufgrund einer digitalen Beziehungen genau so viel wert, als würden sich die Menschen persönlich kennen. Immerhin hatte die Telekom im vergangenen Jahr mehrere tausend Stellen zu besetzen. Da sind Empfehlungen jederzeit willkommen, ob vis a vis oder am Bildschirm.

Empfehlungen kommen nach Meinung von Jan Kirchner, Mitbegründer und kaufmännischer Geschäftsführer von atenta, einer Agentur in Hamburg, die Social-Media-Strategien fürs Employer Branding, Marketing und Recruting von Unternehmen entwickelt, Apps programmiert und die Auftritte pflegt, immer häufiger auf digitalem Weg. „Wenn ich weiß, dass eine andere Firma einen Mitarbeiter sucht und ich meine, einen geeigneten Kandidaten zu kennen, dann vernetzte ich die beiden Online." Die Hälfte seiner Kunden kennt er nicht persönlich, hat aber viel mit ihnen telefoniert und sich über Mails oder soziale Netzwerke ausgetauscht. „Social Media ist für mich die Fortsetzung des realen Lebens im Internet und im persönlichen Bereich die digitale Form früherer Brieffreundschaften." Ähnlich vertrauensvoll funktionieren seiner Meinung nach soziale Netzwerke, wenn sie nicht oberflächlich, sondern zur Kommunikation genutzt würden. Und um Menschen zu vernetzen, denn darauf bauen Kontakte auf. Die Software, die atenta als Facebook-Jobbörse für Unternehmen programmiert, hat deshalb nach Angaben von Kirchner einen ganz wichtigen Button: „Es ist die Empfehlfunktion." Mittels eines Programms können die Firmen ihre offene Stellen von ihrer Karrierewebseite auf ihre Facebook-Page übertragen. Dort findet dann die digitale Vernetzung und möglicherweise eine Empfehlung statt. Wie wichtig diese den Unternehmen sind, belegen zwei Zahlen der Telekom: zehn Prozent aller Bewerbungen beruhen auf persönlichen Empfehlungen. Bei den Einstellungen sind es 20 Prozent. Persönliche Kontakte erhöhen die Einstellungschancen um das Doppelte.

© T5 Interface/Peter Ilg